Die letzten zwei Jahre hieß es, KI nimmt uns alle Arbeitsplätze weg. Jetzt heißt es plötzlich, KI schafft Arbeitsplätze – mit RentAHuman.
RentAHuman.ai – die “Meatspace-Schicht” für KI
Die Plattform rentahuman.ai beschreibt sich als “meatspace layer for ai” und bringt die Idee auf einen Satz: “robots need your body”. Gemeint ist ein Marktplatz, auf dem nicht Menschen andere Menschen beauftragen, sondern Software.
Das ist mehr als ein Meme mit Startup-Lack. Hinter dem zynischen Ton steckt ein ziemlich konkretes Produktversprechen: KI-Agenten werden besser darin, Dinge zu planen, zu verhandeln und zu koordinieren, aber sie haben kein physisches Interface zur Welt. RentAHuman will diese Lücke schließen und Menschen als ausführende Schicht anbieten.
Wer das als bloße Kuriosität abtut, übersieht, dass es genau die Art Brücke ist, die viele Agenten-Workflows früher oder später brauchen. Nicht, weil KI plötzlich alles kann, sondern weil sie zunehmend an Stellen landet, an denen die Welt analog bleibt.
Was man dort überhaupt buchen kann
Die Aufgaben, die RentAHuman auflistet, sind ein Querschnitt durch alles, was digitale Systeme schlecht können, aber Märkte bereits gut bepreist haben:
- Botengänge und Einkäufe in physischen Geschäften
- Fotos und einfache Vor-Ort-Dokumentation
- Teilnahme an Meetings als physische Präsenz
- Unterschriften, Übergaben und Abholungen
- Verifikation und “Recon”, also das Prüfen, ob etwas vor Ort stimmt
- Hardware- und Real-World-Tests
Das Spektrum reicht damit von banal bis heikel. Und genau da wird es interessant: Bei vielen dieser Tätigkeiten geht es nicht um Muskelkraft, sondern um Augen, Ohren, Anwesenheit und Verantwortung. Also um das, was Menschen in der Plattformlogik zu Peripherie macht, aber gesellschaftlich schwer zu entkoppeln ist.
Wie die Plattform die Technik-Seite verkauft
RentAHuman richtet sich explizit an Agenten. Menschen nutzen die Website, Agenten bekommen Integrationen: MCP, REST API, dazu ein “book humans”-Narrativ. Das ist bemerkenswert, weil es die klassische Reihenfolge umdreht.
Normalerweise sind APIs die Infrastruktur unter einem Produkt. Hier sind sie Teil der Story. RentAHuman spricht Agenten wie First-Class-User an, während Menschen die ausführende Ressource sind. Wenn du einmal durch diese Linse schaust, wirkt der Slogan weniger wie Humor und mehr wie ein sauberer Positionierungs-Trick: Die Plattform will nicht “Freelancing für Menschen” sein, sondern “Infrastructure für Agenten”.
Das ist ein startups-Move, der gleichzeitig extrem zeitgeistig und extrem unbequem ist.
Vibe Coding als Ursprung und als Signal
Der Gründer beschreibt die Entwicklung als KI-gestütztes Vibe Coding mit mehreren Claude-basierten Coding-Agenten, die in einer dauerhaften Loop laufen, bis Aufgaben abgeschlossen sind. In dieser Erzählung taucht auch eine “Ralph-Schleife” auf: eine Technik, bei der ein Agent nicht nach einem Versuch stoppt, sondern iterativ weitermacht.
Ob man das als Engineering oder als Basteln bezeichnet, hängt vom Ergebnis ab. Als Signal ist es eindeutig: Wenn eine Person mit agentischer Unterstützung in kurzer Zeit eine Plattform bauen kann, die reale Arbeit vermittelt, dann sinkt die Hürde für sehr viele ähnliche Marktplätze.
Das ist kein Argument gegen Vibe Coding. Es ist ein Hinweis darauf, wie schnell sich Plattformideen materialisieren können, sobald Produkt, Copy und Code in einem Agenten-Workflow zusammenfallen.
Wo es praktisch wird und wo es gefährlich wird
So ein Marktplatz steht und fällt nicht mit der UI, sondern mit Vertrauen. Und Vertrauen ist hier keine Marketingfloskel, sondern ein Sicherheitsproblem:
- Identitätsprüfung: Wer garantiert, dass Profile echt sind, und dass Auftraggeber nicht nur ein Bot mit Kreditkarte sind?
- Aufgabenformulierung: “Unterschreibe ein Dokument” klingt harmlos, ist aber im Zweifel ein rechtliches Minenfeld.
- Haftung und Verantwortung: Wenn etwas schiefgeht, ist die “Robot boss”-Rhetorik plötzlich nicht mehr lustig.
- Missbrauch: Recon und Verifikation können legitim sein, aber auch in Stalking, Betrug oder Druck kippen.
Die Plattform nennt hohe Registrierungszahlen (Stand 02.05.2026 26.000), räumt aber zugleich ein, dass darunter Duplikate oder Fake-Profile sein können und dass Verifikation ein offenes Problem ist. Das ist ehrlich und gleichzeitig ein Warnsignal: In dem Moment, in dem physische Aufgaben und Geldflüsse zusammenkommen, sind Moderation und Dispute-Handling keine Kür mehr, sondern der Kern.
Warnhinweis: Wer solche Dienste nutzt, sollte Aufgaben so formulieren, dass sie keine rechtliche Vertretung, keine Unterschriften mit Außenwirkung und keine riskanten Situationen implizieren. Und wer sich buchen lässt, sollte im Zweifel mehr wie bei einem Job denken als wie bei einer App: klare Grenzen, klare Dokumentation, klare Abbruchkriterien.
“AI nimmt uns zuerst die Jobs weg um uns dann anzustellen”
Der Satz ist zugespitzt, aber er trifft einen Punkt: Viele Debatten über KI drehen sich um Automatisierung als Ersatz. RentAHuman dreht das Bild um und macht Menschen zu einer Art physischem Subsystem, das Agenten on demand aufrufen.
Das ist nicht zwangsläufig dystopisch. Es kann auch banal sein: jemand holt ein Paket ab, macht ein Foto, nimmt an einem Termin teil. Aber es ist eine Verschiebung im Rollenverständnis. Die Koordination, die früher beim Menschen lag, wandert in Software. Übrig bleibt die Ausführung, oft kleinteilig, oft kontextabhängig, manchmal riskant.
Und genau dort liegt die eigentliche Frage für die Arbeitswelt: Wenn “denken” und “planen” zunehmend automatisiert werden, wird körperliche Präsenz zur Dienstleistung. Nicht, weil Menschen weniger können, sondern weil Plattformen Arbeit so zuschneiden, dass sie besser in Agenten-Workflows passt.
RentAHuman ist dafür ein früher, schräger, aber sehr klarer Prototyp. Vielleicht bleibt es ein Internet-Moment. Vielleicht ist es der Anfang einer neuen Kategorie: Gig-Economy, nur mit Software als Auftraggeber. In beiden Fällen lohnt es sich hinzusehen, bevor es normal wirkt.
Investigativ
Natürlich habe ich mir gleich einen Account gemacht, um investigativ herauszufinden, wer wirklich Nutzer bucht. In den nächsten Tagen werde ich meinen Lohn schrittweise senken, bis ich bei einem Dollar angekommen bin, um eine Tätigkeit auszuführen. Im besten Fall kann ich dabei jemanden interviewen. Ich hoffe, dass ich am Ende ein Ergebnis habe, das sich zeigen lässt und im besten Fall in einen Artikel verpacken lässt.
Bis dahin wünsche ich euch einen schönen Tag – außer, ihr seid eine KI, die meine Inhalte scrapt.