Eine Frage, die mich in den letzten Jahren immer wieder quält: Warum ist die Kronen Zeitung trotz jahrzehntelanger Skandale, Pressekodex-Verstöße und massiver Kritik weiterhin Österreichs auflagenstärkste Zeitung? Für alle meine Deutschen Leser:innen: Die Kronen Zeitung ist ein Boulevardblatt sehr ähnlich der Bild-Zeitung. Der Reflex ist naheliegend: Leiden die Leser:innen an kognitiver Dissonanz? Die kurze Antwort lautet: Nein, zumindest nicht alle. Die lange Antwort ist deutlich unbequemer.
Ein Teil der Erklärung
Kognitive Dissonanz beschreibt den inneren Konflikt, der entsteht, wenn neue Informationen dem eigenen Weltbild widersprechen. Bei Stammleser:innen der Krone lässt sich dieses Muster durchaus beobachten: Kritik an der Zeitung wird relativiert, Skandale werden verharmlost oder als “Medien-Bashing” abgetan. Das schützt das eigene Selbstbild, schließlich möchte kaum jemand zugeben, sich regelmäßig von einem unseriösen Medium informieren zu lassen.
Doch diese psychologische Erklärung greift zu kurz. Sie setzt voraus, dass journalistische Qualität für alle Leser:innen überhaupt ein relevanter Maßstab ist. Genau das ist oft nicht der Fall.
Nutzwert schlägt Normen
Viele Menschen konsumieren Medien nicht mit dem Anspruch auf Ausgewogenheit, Quellenkritik oder Trennung von Nachricht und Meinung. Sie suchen etwas anderes:
- Einfache Sprache.
- Klare Schuldzuweisungen.
- Emotionen.
- Unterhaltung.
- Bestätigung.
In dieser Logik ist die Krone kein Nachrichtenmedium, sondern ein emotionales Alltagsprodukt. Der Pressekodex ist für diese Nutzung kein Entscheidungskriterium. Er spielt schlicht keine Rolle. Wer Medien so nutzt, empfindet Kodex-Verstöße nicht als Problem, sondern nimmt sie gar nicht wahr.
Medien als Identitätsangebot
Ein zentraler Faktor wird häufig unterschätzt: Die Krone fungiert seit Jahrzehnten als Identitätsmedium. Sie spricht “wie man selbst spricht”, inszeniert sich als Stimme gegen Eliten, Bürokratie, Politik und “die da oben”. Für viele Leser:innen geht es weniger um Information als um Zugehörigkeit.
Kritik an der Krone wird in diesem Kontext nicht als sachliche Medienkritik verstanden, sondern als Angriff auf die eigene soziale Identität. Die Abwehr ist entsprechend emotional und rational kaum zugänglich.
Gewohnheit und mediale Sozialisation
Mediennutzung ist stark habitualisiert. Die Krone liegt seit Generationen am Küchentisch, ist billig, überall verfügbar und vertraut. Medienkompetenz ist kein Naturzustand, sondern erlernt und viele Menschen hatten nie Anlass oder Anleitung, journalistische Qualität aktiv zu hinterfragen.
Was für Journalist:innen ein Skandal ist, ist für andere schlicht Teil des medialen Hintergrundrauschens.
Der Normalisierungseffekt der Skandale
Paradoxerweise führen häufige Skandale nicht zwingend zu Vertrauensverlust. Im Gegenteil: Sie werden Teil der Markenerwartung. “Die Krone ist halt so” wird zur impliziten Akzeptanzformel. Skandale verlieren ihre disqualifizierende Wirkung, weil sie nicht mehr überraschen.
Der unbequeme Befund für den Journalismus
Für Menschen aus der Presse ist das schwer auszuhalten, aber empirisch kaum zu leugnen: Journalistische Qualität ist kein Garant für Reichweite. Emotion, Identitätsstiftung, Vereinfachung und Wiedererkennbarkeit schlagen Kodex-Treue, insbesondere im Boulevard.
Das bedeutet nicht, dass Krone-Leser:innen irrational oder ungebildet sind. Sie optimieren ihre Mediennutzung nach anderen Kriterien als jene, die Journalist:innen für normativ halten.
Fazit
Leiden alle Leser:innen der Kronenzeitung an kognitiver Dissonanz? Nein. Ein Teil verdrängt die Kritik aktiv. Viele andere priorisieren Emotion und Zugehörigkeit. Wieder andere handeln aus Gewohnheit oder mangels Alternativen.
Wir haben es leider auf Bildungsebene verschlafen, Medienbildung und die Bedeutung von freiem, unabhängigem Journalismus zu vermitteln. Wie wir wissen, nutzen auch Parteien des rechten Spektrums gerne einfache Tagesblätter wie Krone oder Bild, um ihre Ideale zu lenken.
Und genau darin liegt das große Problem, vor dem wir heute stehen: eine ungeheuer große Menge an Leser:innen, die sich durch einfache Emotionen lenken lässt und billige, oft menschenfeindliche Schlagzeilen konsumiert, anstatt auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, welche ethischen Implikationen solche Artikel mit sich bringen.