Nicht die EU ist das Problem, sondern die Bürger

Warum digitale Souveränität nicht an Brüssel scheitert, sondern an unserer Haltung und wie wir Schritt für Schritt wieder handlungsfähig werden

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Nicht die EU ist das Problem, sondern die Bürger

Nach meinem letzten Blogpost Browser aus Europa – Alternativen zwischen Privacy, Nachhaltigkeit und Power-User-Features kamen viele Reaktionen, die sich ähnlich lesen: “Ist doch egal, am Ende läuft sowieso alles über AWS, Google und Microsoft.” Parrallel dazu auf Golem: “EU-Parlament fordert Stärkung der digitalen Souveränität”. Der erste Kommentar: 20 Jahre zu spät.

Ich verstehe, woher das kommt. Wer das Netz beruflich nutzt, sieht täglich Abhängigkeiten. Cloud-Services, App-Ökosysteme, Werbenetze, Identitätsdienste, Browser-Engines, Entwicklerplattformen. Vieles davon ist außerhalb Europas entstanden und wird außerhalb Europas gesteuert.

Trotzdem ist “zu spät” kein Argument. Es ist ein Gefühl. Und als Gefühl kann es stimmen und trotzdem falsch handeln lassen.

Was mich an der Resignation wirklich stört

Mich nervt nicht Kritik. Kritik ist nötig, gerade bei großen Versprechen aus der Politik. Mich nervt die Haltung, die hinter vielen Kommentaren steckt: “Bringt alles nichts, also lassen wir es.”

Damit wird das Problem größer, nicht kleiner. Denn Abhängigkeiten werden nicht nur durch Technik zementiert, sondern durch Nutzung. Wenn alle immer wieder dorthin gehen, wo es am bequemsten ist, dann ist das Ergebnis nicht überraschend.

Ich frage mich bei dieser Wutbürger-Logik oft: Was ist das Ziel? Wollen wir nur zeigen, dass wir Recht haben, wenn es scheitert? Oder wollen wir, dass es besser wird, auch wenn es langsam ist?

Souveränität entsteht nicht durch einen großen Wurf, sondern durch inkrementelle Entscheidungen. Schritt für Schritt. In vielen kleinen Situationen, die jeweils banal wirken, in Summe aber Märkte verändern.

Kurzer Reality-Check

Es wird kein Konzern in der Größe von Microsoft oder Google einfach in Europa erscheinen und das alles für uns regeln. Wir brauchen auch kein Google oder Microsoft. Wir brauchen viele Unternehmen, die zusammenarbeiten, Startups ebenso wie etablierte. Es braucht Awareness in Politik und Medien, um klarzumachen, dass Europa mehr denn je digitale Souveränität braucht.

Das Problem ist nicht die EU, sondern unsere Erwartungshaltung

Die EU ist nicht perfekt, und vieles kommt spät. Aber die größere Bremse ist, dass wir Souveränität wie ein Event behandeln. Entweder es passiert groß und sofort, oder es ist wertlos.

So funktionieren strukturelle Veränderungen nicht. Sie funktionieren über Konsequenz. Über viele Entscheidungen, die einzeln unspektakulär sind. Und über die Bereitschaft, nicht beim ersten Gegenargument abzuwinken.

Um das jetzt mit einem österreichischen Worten abzuschliessen: Es wird Zeit, endlich in den Kommentarspalten aufzuhören zu sudern und wieder etwas zu schaffen. Europa braucht nicht noch mehr Suderanten, davon haben wir genug ;)