Siemens überholt SAP: Warum der Cloud-Backlog plötzlich wichtiger ist als die KI-Story

SAPs Aktie bricht nach Q4-Zahlen ein, Siemens zieht im DAX vorbei: ein Blick auf Current Cloud Backlog, Cloud-Tempo und KI-Erwartungen

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Siemens überholt SAP: Warum der Cloud-Backlog plötzlich wichtiger ist als die KI-Story

Ein einzelner KPI, ein verfehltes Wachstumsziel und eine wackelige KI-Erzählung: Der jüngste SAP-Absturz zeigt, wie empfindlich Cloud-Storys an der Börse geworden sind.

Was passiert ist

SAP war lange das wertvollste Unternehmen im DAX. Dann kam ein Handelstag, an dem die Aktie zweistellig nachgab, Siemens in der Marktkapitalisierung vorbeizog und plötzlich wieder alle über eine Kennzahl diskutierten, die außerhalb von Investor-Calls kaum jemand auf dem Schirm hat: den Current Cloud Backlog.

Auslöser waren die veröffentlichten Zahlen für das vierte Quartal und das Geschäftsjahr 2025. Auf den ersten Blick sieht vieles ordentlich aus: Umsatz leicht hoch, Ergebnis deutlich besser, Marge gestiegen. Trotzdem reagiert der Markt hart, weil er nicht nur auf das Heute schaut, sondern auf die nächsten zwölf bis vierundzwanzig Monate.

Der entscheidende KPI: Current Cloud Backlog

Backlog klingt trocken, ist aber in Cloud-Geschäften eine Art Frühindikator. Vereinfacht: Wie viel bereits vertraglich zugesicherter Cloud-Umsatz steht in Aussicht.

Der Punkt ist die zeitliche Perspektive:

  • Total Cloud Backlog: der gesamte Auftragsbestand über mehrere Jahre
  • Current Cloud Backlog (CCB): der Teil, der auf Sicht der nächsten zwölf Monate umsatzrelevant sein soll

Gerade das CCB ist ein Stimmungsbarometer, weil es weniger von langfristigen Versprechen lebt und mehr davon, wie schnell Deals wirklich in abrechenbare Nutzung kippen.

Wenn das Wachstum dort abflacht oder Ziele knapp verfehlt werden, klingt das für Investor:innen nach: Nachfrage wird vorsichtiger, Sales-Zyklen werden länger, Migrationen dauern, Kunden schieben Entscheidungen.

Cloud wächst, aber langsamer

In den Zahlen steckt eine klare Botschaft: Das Cloudgeschäft wächst weiter, aber die Dynamik nimmt ab.

Im vierten Quartal lagen die Cloud-Umsätze zwar deutlich über dem Vorjahr, aber der Zuwachs war spürbar geringer als im Vergleichszeitraum. Und beim Current Cloud Backlog wurde ein selbst gesetztes Wachstumsziel (währungsbereinigt) knapp verfehlt. Zusätzlich stellte SAP für das neue Geschäftsjahr in Aussicht, dass sich das CCB-Wachstum leicht weiter abschwächen könnte.

Für eine Aktie, die stark über Wachstumserwartungen bewertet wird, sind genau diese Formulierungen toxisch.

Warum die KI-Story nicht reicht

Spannend fand ich weniger die üblichen Reflexe “KI wird alles retten” oder “KI wird alles kaputt machen”, sondern wie klar der Markt zwischen Erzählung und belastbarer Entwicklung trennt.

SAP argumentiert, dass Business AI in vielen Cloud-Abschlüssen enthalten ist und dass die Kombination aus Plattform, Datenmodell und Prozessen einen Vorteil bringt. Das kann fachlich stimmig sein. Nur ist “enthalten” nicht automatisch gleichbedeutend mit “treibt messbar Umsatz in den nächsten zwölf Monaten”.

Das ist der Kern: Eine KI-Strategie überzeugt an der Börse erst dann, wenn sie sich in wiederkehrenden Erlösen, höherem Net Revenue Retention oder eben einem Backlog, der kurzfristig in Rechnung gestellt wird, abzeichnet.

Was das für Kunden und Teams bedeutet

Für SAP-Kund:innen und IT-Teams ist ein Börsentag erst mal kein Projektplan. Trotzdem kann so ein Signal im Alltag etwas verändern, vor allem in Gesprächen mit Budget-Ownern.

Ein paar mögliche Effekte, die ich in Unternehmen beobachten würde:

  • Mehr Druck auf Cloud-Migrationen: Wenn Cloud-Wachstum das zentrale Narrativ ist, steigt intern der Wunsch nach sichtbaren Erfolgen. Das kann gut sein, wenn es Prioritäten klärt. Es kann auch schiefgehen, wenn man Prozesse und Daten unterschätzt.
  • Längere Diskussionen über Vertragsdetails: Gerade in regulierten Branchen spielen Kündigungsrechte, Datenresidenz und Betriebsmodelle eine große Rolle. Das verlängert Verhandlungen und passt zu dem, was SAP als Erklärung nennt.
  • KI wird stärker an Business Cases gemessen: Weniger “wir brauchen das, weil KI”, mehr “welcher Prozess, welches Ziel, welcher messbare Effekt”. Das ist anstrengender, aber gesünder.

Hinweis: Wer gerade eine große Transformation plant, sollte sich davon nicht nervös machen lassen. Wichtiger als Schlagzeilen ist, ob Roadmap, Architektur und Change-Plan zusammenpassen.

Mein Take

Ich lese diese Episode weniger als “SAP hat ein Problem” und mehr als “Cloud-Wachstum wird wieder normal”. Die Phase, in der jede Prozentzahl als Beweis für eine neue Ära galt, ist vorbei. Jetzt zählen Belastbarkeit, Planbarkeit und die Fähigkeit, komplexe Deals in echte Nutzung zu überführen.

Und für die Arbeitswelt heißt das: Weniger Bühne für Vision-Slides, mehr Fokus auf Umsetzung. In Zeiten, in denen KI überall draufsteht, wird es zur Kernkompetenz, zwischen Marketing, Produktversprechen und tatsächlich lieferbarer Value-Kette zu unterscheiden. Genau dabei hilft es, auch scheinbar langweilige Kennzahlen wie einen Cloud-Backlog zu verstehen.

Quelle: https://www.heise.de/news/Von-Siemens-ueberholt-SAP-taumelt-an-der-Boerse-11160816.html

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