Microsoft macht Ernst: OpenAI und Anthropic geraten ins Visier
Microsoft soll seinen Vertrieb gegen OpenAI und Anthropic positionieren. Dahinter steckt mehr als Konkurrenz: Es geht um Kosten, Kontrolle und Azure
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Microsoft soll seine Verkäufer darauf vorbereiten, OpenAI und Anthropic gezielt schlechter aussehen zu lassen. Der Vorgang zeigt, wie schnell aus strategischen KI-Partnern direkte Konkurrenten werden.
Microsoft soll seinen Vertrieb gegen OpenAI und Anthropic schulen
Microsoft bereitet seinen Vertrieb offenbar auf einen schärferen Wettbewerb mit OpenAI, Anthropic und Google vor. Das berichtet TechCrunch unter Berufung auf eine Recherche von Bloomberg.
Demnach erklärten Führungskräfte während einer internen Strategiebesprechung für das Geschäftsjahr 2027, wie Microsofts Verkäufer die KI-Produkte der Konkurrenz mit den eigenen Angeboten vergleichen sollen. Im Mittelpunkt standen vor allem die Kosten, die Effizienz und die Integration in bestehende Microsoft-Produkte.
Jay Parikh, Executive Vice President für Microsofts CoreAI-Bereich, soll die neue Erzählung mit einem einfachen Satz zusammengefasst haben:
“Everyone else is selling parts, we’re selling the full end-to-end system.”
Microsoft will sich damit nicht nur als Anbieter einzelner KI-Modelle positionieren. Der Konzern verkauft Azure-Infrastruktur, Entwicklungswerkzeuge, Unternehmenssoftware, Sicherheitsfunktionen, Datenanbindungen und KI-Assistenten aus einer Hand.
Genau dieses Gesamtpaket soll zum zentralen Verkaufsargument werden.
Claude soll in Microsoft Office schlechter abschneiden
Noch deutlicher soll Copilot-Manager Jacob Andreou geworden sein. Laut dem Bericht verglich er Microsoft Copilot direkt mit Claude von Anthropic.
Innerhalb der Office-Anwendungen sei Claude langsamer und weniger genau. Außerdem fehle es dem Modell an geeigneten Sicherheitsintegrationen. Unabhängige Vergleichsdaten oder Details zu den verwendeten Tests wurden in den Berichten nicht genannt.
Diese Einschränkung ist wichtig. Die Aussage bedeutet nicht automatisch, dass Claude grundsätzlich langsamer oder ungenauer als Microsofts eigene Modelle ist. Ergebnisse können stark von der konkreten Aufgabe, den Prompts, der verfügbaren Rechenleistung und der Integration in die jeweilige Anwendung abhängen.
Ein Modell, das direkt für Word, Excel oder Outlook optimiert wurde, kann dort Vorteile haben. Bei Programmierung, Recherche oder langen Textanalysen kann das Ergebnis anders aussehen.
Microsofts Aussage ist daher vor allem als Verkaufsargument für die eigene Plattform zu verstehen, nicht als allgemeingültiger Modellvergleich.
Warum Microsoft eigene MAI-Modelle entwickelt
Microsoft hat seine KI-Strategie lange stark auf Modelle von OpenAI aufgebaut. GPT-Modelle bildeten die technische Grundlage für zahlreiche Copilot-Funktionen und wurden über Azure an Geschäftskunden verkauft.
Diese Abhängigkeit brachte Microsoft einen erheblichen Vorsprung. Sie hatte jedoch auch einen Nachteil: Ein wesentlicher Teil der Technologie stammte von einem externen Unternehmen.
Microsoft investiert deshalb inzwischen stärker in eigene Modelle. Im Juni 2026 stellte der Konzern sieben neue MAI-Modelle für unterschiedliche Aufgaben vor. Dazu gehören Modelle für logisches Schlussfolgern, Programmierung, Bildgenerierung, Sprache und Transkription.
Berichten zufolge setzt Microsoft eigene MAI-Modelle inzwischen auch für einen Teil der Anfragen in Word und Excel ein. Modelle von OpenAI und Anthropic verschwinden dadurch nicht vollständig. Microsoft kann einfache oder häufige Aufgaben jedoch an günstigere eigene Modelle weiterleiten.
Dieses Verfahren wird häufig als Model Routing bezeichnet. Eine Software entscheidet anhand der Anfrage, welches Modell eingesetzt wird. Komplexe Aufgaben können weiterhin an ein leistungsfähiges Frontier-Modell gehen. Zusammenfassungen oder einfache Textänderungen übernimmt möglicherweise ein kleineres und günstigeres Modell.
Für Nutzer muss dieser Wechsel nicht sichtbar sein. Für Microsoft kann er die Kosten pro Anfrage deutlich reduzieren.
OpenAI bleibt Partner und wird trotzdem zum Konkurrenten
Microsofts neue Verkaufsstrategie wirkt zunächst widersprüchlich. Der Konzern ist weiterhin Großinvestor, Anteilseigner, Infrastrukturpartner und Technologielieferant von OpenAI.
Gleichzeitig konkurrieren beide Unternehmen zunehmend um dieselben Kunden.
Im April 2026 änderten Microsoft und OpenAI ihre Vereinbarung. Microsoft bleibt laut der gemeinsamen Ankündigung der primäre Cloud-Partner von OpenAI. Neue OpenAI-Produkte sollen grundsätzlich zuerst auf Azure erscheinen, sofern Microsoft die erforderliche Infrastruktur bereitstellen kann und will.
Microsoft behält außerdem bis 2032 eine Lizenz für die Modelle und Produkte von OpenAI. Diese Lizenz ist jedoch nicht mehr exklusiv. OpenAI darf seine Produkte inzwischen auch über andere Cloud-Anbieter bereitstellen.
Damit wurde aus einer engen und teilweise exklusiven Partnerschaft ein flexibleres Verhältnis. Beide Unternehmen arbeiten weiterhin zusammen, können sich aber gleichzeitig unabhängiger voneinander entwickeln.
Das erklärt, warum Microsoft OpenAI nicht aufgeben muss, um gegen OpenAI zu verkaufen.
Microsoft kann GPT-Modelle weiterhin in Azure und Copilot anbieten. Im Verkauf kann der Konzern zugleich argumentieren, dass Kunden mit Azure, Foundry und Microsofts eigenen Modellen ein vollständigeres System erhalten.
Auch die Beziehung zu Anthropic ist kompliziert
Bei Anthropic ist die Situation ähnlich. Microsoft präsentiert Claude einerseits als Konkurrenz zu Copilot. Andererseits ist Anthropic ein wichtiger Partner und Kunde des Konzerns.
Microsoft und Anthropic kündigten im November 2025 eine umfangreiche Partnerschaft an. Claude wurde in Microsoft Foundry sowie in verschiedene Copilot-Produkte integriert.
Microsoft stellte zudem eine Investition von bis zu fünf Milliarden US-Dollar in Anthropic in Aussicht. Anthropic verpflichtete sich im Gegenzug zum Kauf von Azure-Rechenleistung im Wert von 30 Milliarden US-Dollar.
Für Microsoft ist Anthropic daher gleichzeitig:
- ein Anbieter konkurrierender KI-Modelle
- ein Partner für Copilot und Foundry
- ein möglicher Beteiligungswert
- ein großer Azure-Kunde
- ein Verkaufsgegner im Unternehmensmarkt
Diese Rollen schließen sich nicht gegenseitig aus. Im Cloud-Geschäft ist es üblich, dass Konkurrenten zugleich Kunden und Partner sind. Amazon, Google und Microsoft stellen ihre Infrastruktur ebenfalls Unternehmen bereit, mit denen sie in anderen Bereichen konkurrieren.
Ungewöhnlich ist eher, wie offen Microsoft nun die Schwächen eines Partners als Verkaufsargument verwenden soll.
Microsoft verkauft nicht das beste Modell, sondern den ganzen Stack
Die entscheidende Aussage des internen Treffens betrifft weniger OpenAI oder Anthropic als Microsofts eigenes Geschäftsmodell.
Microsoft will den Wettbewerb nicht ausschließlich über Modell-Benchmarks gewinnen. Stattdessen soll die gesamte technische Umgebung den Ausschlag geben:
- Azure stellt die Rechenleistung bereit.
- Microsoft Foundry verwaltet und verteilt die Modelle.
- Entra übernimmt Identitäten und Zugriffsrechte.
- Purview kontrolliert Daten und Richtlinien.
- Microsoft 365 liefert den Arbeitskontext.
- Copilot dient als Oberfläche für die Nutzer.
- Eigene und fremde Modelle bearbeiten die Anfragen.
Microsoft Foundry bietet nach Angaben des Konzerns Zugriff auf mehr als 1.900 Modelle. Dazu gehören Modelle von Microsoft, OpenAI, Anthropic, Meta, DeepSeek und weiteren Anbietern.
Die Auswahl ist damit selbst ein Teil des Produkts. Microsoft muss nicht beweisen, dass ein einzelnes eigenes Modell in jeder Aufgabe besser ist. Der Konzern muss Unternehmen davon überzeugen, dass Auswahl, Betrieb, Sicherheit und Abrechnung innerhalb einer Plattform einfacher sind.
Das ist ein starkes Verkaufsargument. Es erzeugt allerdings auch eine neue Form der Abhängigkeit. Unternehmen sind dann möglicherweise nicht an ein bestimmtes KI-Modell gebunden, dafür aber umso stärker an Microsofts Infrastruktur.
OpenAI verschwindet nicht aus Copilot
Die neue Verkaufsstrategie bedeutet nicht, dass Microsoft seine Zusammenarbeit mit OpenAI kurzfristig beendet.
Im Juli 2026 erklärte Microsoft, dass GPT-5.6 in Microsoft 365 Copilot für Word, Excel, PowerPoint und weitere Anwendungen verfügbar ist. Microsoft bezeichnete das OpenAI-Modell dabei sogar als bevorzugtes Modell für Wissensarbeit innerhalb von Microsoft 365.
Auch Claude bleibt in mehreren Microsoft-Produkten auswählbar.
Microsoft verfolgt somit keine einfache Ablösung. Der Konzern baut eine mehrstufige Modellstrategie auf:
- Eigene MAI-Modelle reduzieren Kosten und Abhängigkeiten.
- OpenAI liefert weiterhin leistungsfähige GPT-Modelle.
- Anthropic erweitert das Angebot um Claude.
- Weitere Anbieter sorgen für Auswahl und Preisdruck.
- Microsoft kontrolliert die Plattform, über die diese Modelle genutzt werden.
Für Microsoft ist diese Position wertvoller als die vollständige Abhängigkeit von einem einzelnen Modellanbieter.
Was Unternehmen bei der Modellauswahl prüfen sollten
Für Unternehmen sollte die neue Konkurrenz zwischen Microsoft, OpenAI und Anthropic kein Grund sein, sich ausschließlich an Verkaufsunterlagen oder allgemeinen Benchmarks zu orientieren.
Wichtiger sind Tests mit den eigenen Daten und Arbeitsabläufen.
Dabei sollten Unternehmen mindestens folgende Punkte prüfen:
Qualität bei realen Aufgaben: Ein Modell sollte mit typischen Dokumenten, Tabellen, Anfragen und Fachbegriffen aus dem eigenen Unternehmen getestet werden.
Gesamtkosten: Neben Tokenpreisen zählen Lizenzkosten, Rechenleistung, Entwicklung, Überwachung, Support und notwendige Sicherheitswerkzeuge.
Datenverarbeitung: Unternehmen müssen wissen, wo Eingaben verarbeitet werden, wie lange Daten gespeichert bleiben und welche Anbieter Zugriff erhalten.
Wechselbarkeit: Anwendungen sollten möglichst nicht so gebaut werden, dass ein späterer Modellwechsel hohe Umbaukosten verursacht.
Transparenz: Bei automatisch ausgewählten Modellen sollte nachvollziehbar sein, welches Modell eine Antwort erzeugt hat und welche Richtlinien dabei gelten.
Sicherheit und Rechte: Identitätsverwaltung, Protokollierung und Zugriffsregeln können für Unternehmen wichtiger sein als ein kleiner Vorsprung in einem öffentlichen Benchmark.
Gerade beim Einsatz von KI in sensiblen Geschäftsprozessen reicht es nicht, lediglich das vermeintlich leistungsfähigste Modell auszuwählen.
Microsoft will Kontrolle, Marge und Auswahl zugleich
Microsofts neuer Verkaufskurs ist kein vollständiger Bruch mit OpenAI oder Anthropic. Er ist das Ergebnis einer reiferen und härteren Marktphase.
In den vergangenen Jahren ging es vor allem darum, möglichst schnell leistungsfähige generative KI in bestehende Produkte zu integrieren. Dafür waren Partnerschaften mit spezialisierten Modellanbietern entscheidend.
Nun rücken andere Fragen in den Vordergrund: Wie hoch sind die laufenden Kosten? Wer kontrolliert die technische Plattform? Wie abhängig ist ein Produkt von einem externen Anbieter? Und welcher Teil der Wertschöpfung bleibt bei Microsoft?
Eigene MAI-Modelle geben Microsoft mehr Kontrolle über Kosten, Produktentwicklung und Infrastruktur. OpenAI und Anthropic liefern weiterhin Modelle, die Microsoft nicht kurzfristig vollständig ersetzen kann oder will.
Das Ziel ist daher kein Copilot ohne OpenAI oder Claude. Microsoft will eine Plattform betreiben, auf der Modelle austauschbar werden, während Azure und die Microsoft-Dienste unverzichtbar bleiben.
Fazit
Dass Microsoft seinen Vertrieb auf schärfere Vergleiche mit OpenAI und Anthropic vorbereitet, ist mehr als gewöhnliche Konkurrenz zwischen KI-Anbietern.
Der Vorgang zeigt, wie sich Microsofts Position verändert hat. Der Konzern ist nicht mehr nur der wichtigste Vertriebspartner fremder Frontier-Modelle. Er entwickelt eigene Modelle und stellt gleichzeitig die Infrastruktur, Anwendungen und Sicherheitswerkzeuge bereit.
OpenAI und Anthropic bleiben wichtige Partner. Sie werden jedoch zunehmend zu Komponenten innerhalb eines Systems, das Microsoft selbst kontrollieren möchte.
Für Unternehmen kann diese Strategie mehr Auswahl und eine einfachere Integration bedeuten. Gleichzeitig sollten sie prüfen, ob die Freiheit bei der Modellauswahl am Ende zu einer stärkeren Bindung an Azure, Microsoft Foundry und Copilot führt.
FAQ
Warum positioniert Microsoft seinen Vertrieb gegen OpenAI und Anthropic?
Microsoft will seine eigenen KI-Modelle sowie die Kombination aus Azure, Foundry, Copilot und Sicherheitsfunktionen als kostengünstigeres und besser integriertes Gesamtsystem verkaufen.
Ersetzt Microsoft OpenAI und Anthropic vollständig?
Nein. Modelle von OpenAI und Anthropic bleiben in Microsoft-Produkten und in Microsoft Foundry verfügbar. Microsoft setzt jedoch zusätzlich eigene MAI-Modelle ein und reduziert damit seine Abhängigkeit.
Was bedeutet Microsofts neue KI-Strategie für Unternehmen?
Unternehmen erhalten mehr Modellauswahl, sollten aber Kosten, Sicherheit, Datenverarbeitung, Modellwechsel und eine mögliche Bindung an das Microsoft-Ökosystem sorgfältig prüfen.


