Bin ich inzwischen deutschifiziert?

Meine Arbeit, meine Reichweite und sogar meine Sprache werden immer deutscher. Irgendwann stellt sich die Frage: Wie viel Österreich bleibt?

Dieser Artikel hat eine Lesedauer von 4 Minuten.

Bin ich inzwischen deutschifiziert?

Meine Arbeit wird deutscher, meine Reichweite wird deutscher und offenbar wird sogar meine Sprache deutscher. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man sich fragt: Bin ich eigentlich noch richtig österreichisch?

Der Moment, in dem mir das aufgefallen ist

In den vergangenen Monaten ist etwas passiert, das ich selbst erst relativ spät bemerkt habe.

Ich habe für die ZEIT über Ableismus auf dem Arbeitsmarkt geschrieben. Für Golem.de habe ich inzwischen zahlreiche politische, gesellschaftliche und ökonomische Themen mit Deutschlandbezug bearbeitet. Ein großer Teil meiner journalistischen Arbeit richtet sich damit an ein deutsches Publikum.

Das Kuriose daran: Bei österreichischen Medien hatte ich bisher keinen Erfolg.

Auch bei Bewerbungen sieht es ähnlich aus. Einladungen zu Gesprächen kommen bei mir inzwischen fast ausschließlich von deutschen Unternehmen. Mein berufliches Netzwerk wächst stärker nach Deutschland als nach Österreich.

Selbst mein Publikum wird immer deutscher

Besonders sichtbar wird diese Entwicklung auf Social Media.

2025 kamen noch ungefähr 30% meiner Reichweite aus Österreich. Inzwischen sind es nur noch rund 15%.

Das bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass weniger Menschen aus Österreich meine Inhalte sehen. Wenn die gesamte Reichweite wächst, können Prozentwerte sinken, obwohl die absolute Zahl gleich bleibt oder sogar steigt.

Trotzdem zeigt die Entwicklung ziemlich deutlich, wohin sich mein Publikum verschiebt.

Deutschland ist allein aufgrund seiner Größe der wesentlich größere deutschsprachige Markt. Für jemanden, der über Technologie, Wirtschaft, Gesellschaft und digitale Themen spricht, ist es daher nicht besonders überraschend, irgendwann mehr Menschen in Deutschland zu erreichen.

Interessanter wird es für mich dort, wo diese Verschiebung langsam den eigenen Alltag verändert.

Aus Jänner wird Januar

Vor Kurzem habe ich in einem Gespräch "Meerrettich" gesagt.

Daraufhin wurde ich darauf hingewiesen, dass das in Österreich doch eigentlich "Kren" heißt.

Wie auch immer.

Das Gleiche passiert mir mit Jänner. Ich verwende seit Jahren nur noch, Januar. Es gibt noch einige weitere Begriffe, bei denen ich irgendwann festgestellt habe, dass sich bei mir die bundesdeutsche Variante eingeschlichen hat.

Das ist vermutlich keine besonders spektakuläre sprachwissenschaftliche Entwicklung. Wenn man täglich deutsche Artikel liest, für deutsche Medien schreibt, mit deutschen Redaktionen spricht, deutsche Videos sieht und einen großen Teil seines beruflichen Umfelds in Deutschland hat, verändert sich der aktive Wortschatz.

Sprache ist schließlich nichts Starres.

Trotzdem fühlt es sich eigenartig an, wenn einem plötzlich jemand erklären muss, welches Wort eigentlich das österreichische wäre.

Wie viel Herkunft steckt überhaupt in Sprache?

Gerade bei österreichischem Deutsch wird schnell emotional darüber diskutiert, welche Wörter "richtig österreichisch" sind und ob bundesdeutsche Begriffe regionale Varianten verdrängen.

Ich sehe das bei mir weniger dramatisch.

Wahrscheinlich ist das vor allem Gewohnheit. Sprache passt sich dem Umfeld an. Wer einen erheblichen Teil seines Tages mit Menschen aus einem anderen Sprachraum verbringt, übernimmt Begriffe, Formulierungen und manchmal sogar Satzmelodien.

Dann habe ich angefangen, über meinen Namen nachzudenken

An diesem Punkt wurde meine kleine Identitätskrise kurzfristig historisch.

Was bedeutet eigentlich Jessner?

Eine mögliche Herkunft des Namens ist erstaunlich passend: "Jessner" kann sinngemäß jemanden bezeichnen, der aus Jessen stammt.

Jessen liegt in Deutschland.

Natürlich beweist ein Familienname allein überhaupt nichts darüber, wie sich eine konkrete Familiengeschichte entwickelt hat. Namen verändern sich, Menschen ziehen um und Herkunft lässt sich nicht seriös aus einer einzelnen Namensdeutung ableiten.

Aber wenn man gerade darüber nachdenkt, warum das eigene berufliche Leben zunehmend Richtung Deutschland wandert, ist eine solche Entdeckung zumindest unterhaltsam.

Also kamen kurz die nächsten Fragen:

  • Bin ich eigentlich Deutscher?
  • Bin ich aus unerklärlichen Gründen langsam Deutscher geworden?
  • Waren meine Vorfahren Deutsche?
  • Habe ich mich jemals österreichisch gefühlt?

Vielleicht bin ich einfach beruflich deutschifiziert

Wenn ich einen Begriff dafür verwenden müsste, wäre es deshalb wahrscheinlich genau dieser: "deutschifiziert".

Nicht im Sinne von "Ich bin jetzt Deutscher".

Sondern im Sinne davon, dass ein immer größerer Teil meines beruflichen Alltags durch Deutschland geprägt wird.

Meine Auftraggeber sitzen dort. Ein großer Teil meines Publikums lebt dort. Viele Unternehmen, mit denen ich spreche, sitzen dort. Gefühlt hab ich dort auch schon mehr Freunde. Und offensichtlich färbt das irgendwann sogar auf meinen Wortschatz ab.

Dass ausgerechnet österreichische Medien bisher kaum Teil dieser Entwicklung waren, finde ich weiterhin bemerkenswert.

Vielleicht ändert sich das noch.

Vielleicht auch nicht.

Im Endeffekt auch ziemlich scheißegal.

m Endeffekt auch ziemlich scheißegal. Ich glaube, wir sollten uns sowieso nicht so viele Gedanken über Staatszugehörigkeit machen.

FAQ

Warum schreibe ich häufiger für deutsche Medien?

Meine journalistischen Themen rund um Technologie, Wirtschaft und Politik stoßen derzeit vor allem bei deutschen Redaktionen auf Interesse.

Hat sich auch meine Social-Media-Zielgruppe verändert?

Ja. Während 2025 noch rund 30 Prozent meiner Reichweite aus Österreich kamen, liegt der Anteil inzwischen nur noch bei etwa 15 Prozent.

Bin ich deshalb weniger österreichisch?

Nein. Sprache, Arbeitsmarkt und Medienkonsum können sich über Grenzen hinweg verändern, ohne dass daraus automatisch eine andere nationale Identität entsteht.

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