Isar Aerospace vor zweitem Spectrum-Testflug: Warum mehrere Versuche normal sind

Isar Aerospace bereitet den zweiten Spectrum-Testflug vor. Warum mehrere Anläufe dazugehören und Europas Raketenindustrie trotzdem Tempo macht

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Isar Aerospace vor zweitem Spectrum-Testflug: Warum mehrere Versuche normal sind

Isar Aerospace will mit Spectrum einen europäischen Zugang zum Orbit aufbauen. Vor dem zweiten Testflug zeigt sich, warum bei neuen Raketen nicht der perfekte erste Start zählt, sondern wie schnell ein Unternehmen aus realen Flugdaten lernen kann.

Isar Aerospace steht vor dem zweiten Spectrum-Testflug

Isar Aerospace gehört inzwischen zu den sichtbarsten europäischen Start-ups der Raumfahrtbranche. Das 2018 gegründete Unternehmen entwickelt mit Spectrum eine eigene zweistufige Trägerrakete für kleine und mittlere Satelliten.

Nach dem ersten Testflug im März 2025 soll nun der zweite Flug zeigen, wie weit das System technisch tatsächlich gekommen ist.

In einem aktuellen Interview mit der Süddeutschen Zeitung beschreibt Mitgründer und CEO Daniel Metzler dabei einen Punkt, der für Raketenentwicklung entscheidend ist: Niemand kann im Voraus exakt sagen, wie viele reale Starts notwendig sein werden, bis ein neues Trägersystem zuverlässig funktioniert.

Das klingt zunächst nach Unsicherheit. Tatsächlich beschreibt es ziemlich gut, wie komplexe technische Systeme entwickelt werden.

Was beim ersten Spectrum-Flug passiert ist

Der erste Flug von Spectrum fand am 30. März 2025 vom Andøya Spaceport in Norwegen statt.

Die 28 Meter hohe Rakete startete erfolgreich und flog ungefähr 30 Sekunden. Danach verlor sie während eines Rollmanövers die Lagekontrolle. Das Flugabbruchsystem beendete die Mission, anschließend stürzte Spectrum kontrolliert ins Meer.

Nach Angaben von Isar Aerospace führte unter anderem ein unbeabsichtigt geöffnetes Ventil zu den Problemen.

Aus technischer Sicht war der Start trotzdem wesentlich mehr als ein Versuch, der lediglich nach einer halben Minute endete.

Zum ersten Mal konnte das vollständige System unter realen Bedingungen getestet werden. Dazu gehören Triebwerke, Tanks, Steuerung, Avionik, Software, Bodeninfrastruktur und zahlreiche mechanische Komponenten.

Genau diese Daten lassen sich durch Tests am Boden nur begrenzt reproduzieren.

Warum mehrere Testflüge bei Raketen normal sind

Bei Software kann ein Fehler häufig reproduziert, korrigiert und wenige Minuten später erneut getestet werden. Bei einer orbitalen Rakete funktioniert dieser Zyklus deutlich langsamer.

Jeder reale Flug ist gleichzeitig ein Integrationstest für ein System aus weit über Tausenden einzelnen Komponenten.

Das Prinzip erinnert trotzdem an moderne Softwareentwicklung: möglichst früh ein vollständiges System testen, reale Daten sammeln, Probleme identifizieren und die nächste Version verbessern.

Der entscheidende Unterschied liegt in den Kosten und der Geschwindigkeit der Iteration.

Eine neue Rakete lässt sich nicht nach einem fehlgeschlagenen Test innerhalb weniger Stunden erneut starten. Hardware muss produziert, transportiert, integriert und erneut überprüft werden. Zusätzlich spielen Wetter, Sicherheitszonen und die Verfügbarkeit des Startplatzes eine Rolle.

Deshalb ist weniger entscheidend, ob Spectrum zwei, drei oder fünf Versuche benötigt.

Interessanter ist die Frage, wie schnell Isar Aerospace aus jedem Versuch eine verbesserte Rakete bauen kann.

Der zweite Spectrum-Flug ist mehr als ein weiterer Test

Die nächste Mission trägt den Namen “Onward and Upward” und ist als Qualifikationsflug vorgesehen.

Spectrum soll dabei erstmals echte Nutzlasten transportieren. Vorgesehen sind fünf CubeSats und ein weiteres Experiment.

Damit verändert sich auch das Ziel.

Beim ersten Flug stand vor allem im Mittelpunkt, überhaupt vom Startplatz abzuheben und Daten über das Verhalten des Systems zu sammeln. Beim zweiten Flug sollen deutlich mehr Systeme unter realen Betriebsbedingungen qualifiziert werden.

Spectrum soll langfristig bis zu rund 1.000 Kilogramm Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit transportieren können.

Für Isar Aerospace wäre ein erfolgreicher Flug deshalb nicht nur ein technischer Meilenstein. Er wäre ein wichtiger Schritt auf dem Weg von einem Entwicklungsprojekt zu einem kommerziellen Launch-Anbieter.

Warum sich der zweite Start immer wieder verschiebt

Raketenstarts hängen nicht nur von der Rakete selbst ab.

Der zweite Spectrum-Flug wurde 2026 bereits mehrfach vorbereitet und verschoben. Gründe waren unter anderem technische Auffälligkeiten sowie Bedingungen rund um den Startplatz.

Bei einem Startversuch im März musste die Mission beispielsweise abgebrochen werden, nachdem sich ein nicht autorisiertes Schiff in einem abgesperrten Seegebiet befand. Durch die Verzögerung änderte sich die Temperatur des Treibstoffsystems, wodurch der verbleibende Startzeitraum nicht mehr genutzt werden konnte.

Im Juni meldete Isar Aerospace erneut ungewöhnliches Verhalten im Fluidsystem der Rakete und brach den Startversuch ab.

Solche Ereignisse zeigen, wie viele Systeme gleichzeitig funktionieren müssen.

Ein orbitaler Raketenstart ist nicht nur eine Frage funktionierender Triebwerke. Infrastruktur, Wetter, Betankung, Kommunikation, Sicherheitssysteme und externe Bedingungen müssen innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters zusammenpassen.

Microlauncher aus Europa statt vollständiger Abhängigkeit von SpaceX

Hinter Spectrum steckt deshalb eine größere wirtschaftliche und strategische Frage.

Europa kann Satelliten bauen, betreiben und auswerten. Beim Transport in den Orbit besteht jedoch weiterhin eine erhebliche Abhängigkeit von wenigen großen Launch-Anbietern.

Besonders SpaceX hat mit Falcon 9 und dem Rideshare-Programm einen Markt geschaffen, mit dem europäische Anbieter wirtschaftlich konkurrieren müssen.

Spectrum verfolgt einen anderen Ansatz.

Die Rakete ist kleiner und soll Kunden flexiblere Starts ermöglichen. Satellitenbetreiber sollen nicht ausschließlich darauf warten müssen, bis ihre Nutzlast auf einer großen Rakete zusammen mit zahlreichen anderen Satelliten Platz findet.

Für bestimmte Missionen kann ein eigener kleinerer Launcher interessanter sein, insbesondere wenn Zielorbit und Startzeitpunkt wichtig sind.

Damit wird Raumfahrt zunehmend auch zu einem Thema für europäische Politik. Satelliten sind inzwischen Infrastruktur für Kommunikation, Navigation, Erdbeobachtung und militärische Anwendungen.

Wer Satelliten unabhängig betreiben möchte, braucht langfristig auch Möglichkeiten, sie unabhängig zu starten.

Isar Aerospace baut Spectrum bereits in Serie

Der vielleicht interessantere Teil der Strategie findet deshalb nicht auf dem Startplatz in Norwegen statt, sondern östlich von München.

In Parsdorf bei München baut Isar Aerospace eine rund 40.000 Quadratmeter große Produktionsanlage auf.

Dort sollen Spectrum-Raketen nicht wie einzelne Forschungsprojekte entstehen, sondern zunehmend industriell gefertigt werden.

Das Unternehmen setzt dafür stark auf vertikale Integration. Große Teile der Rakete werden selbst entwickelt und produziert. Gleichzeitig sollen Automatisierung und standardisierte Fertigungsprozesse die Produktionszeit reduzieren.

Nach Angaben von Isar Aerospace sind bereits mehrere weitere Spectrum-Raketen in Produktion.

Langfristig spricht das Unternehmen von einer Kapazität von mehreren Dutzend Raketen pro Jahr.

Ob dieser Produktionsumfang tatsächlich benötigt und erreicht wird, hängt allerdings davon ab, wie schnell Spectrum zuverlässig fliegt und wie groß der Markt für europäische Launch-Dienste wird.

Genau deshalb sind die kommenden Testflüge so relevant.

ESA stellt knapp 200 Millionen Euro für Isar Aerospace bereit

Gleichzeitig wächst die institutionelle Unterstützung.

Ende August 2026 erhielt Isar Aerospace im Rahmen der European Launcher Challenge einen Vertrag der Europäischen Weltraumorganisation ESA mit einem Volumen von rund 198 Millionen Euro.

Das Geld wird nicht einfach vollständig ausgezahlt. Die Förderung ist an technische und programmatische Meilensteine gekoppelt.

Finanziert werden unter anderem weitere Launch-Kapazitäten, Infrastruktur und die Weiterentwicklung der Raketenplattform.

Die Dimension zeigt, dass Spectrum inzwischen nicht mehr ausschließlich als privates Start-up-Projekt betrachtet wird.

Ein kommerziell konkurrenzfähiger europäischer Raketenanbieter hat eine strategische Bedeutung, die weit über einzelne Satellitenstarts hinausgeht.

Europas Raketenindustrie muss vor allem schneller lernen

Der Vergleich mit SpaceX liegt bei europäischen Raketenprojekten nahe, hilft aber nur begrenzt.

SpaceX verfügt inzwischen über mehr als zwei Jahrzehnte Entwicklungserfahrung, eine enorme Produktionsinfrastruktur und eine Flugrate, die neuen europäischen Anbietern zunächst fehlt.

Spectrum muss deshalb nicht kurzfristig eine Falcon 9 ersetzen.

Die wichtigere Aufgabe besteht darin, einen funktionierenden europäischen Entwicklungszyklus aufzubauen: Raketen produzieren, starten, Daten sammeln, Fehler korrigieren und wieder starten.

Genau dafür ist eine serienorientierte Produktion entscheidend.

Wenn jede einzelne Rakete praktisch ein handgefertigter Prototyp bleibt, dauern Entwicklungszyklen Jahre. Wenn mehrere Fahrzeuge parallel produziert werden können, lässt sich deutlich schneller auf neue Erkenntnisse reagieren.

Das ist vermutlich einer der wichtigsten Tests für Isar Aerospace in den kommenden Jahren.

Nicht nur, ob Spectrum fliegt, sondern wie schnell die nächste Rakete nach einem Test bereitsteht.

Was beim zweiten Spectrum-Testflug entscheidend wird

Ein erfolgreicher Orbit wäre für Isar Aerospace ein großer Schritt.

Trotzdem sollte der zweite Flug nicht ausschließlich anhand der Frage bewertet werden, ob alle Nutzlasten ihre geplante Umlaufbahn erreichen.

Bei einem Qualifikationsflug können bereits funktionierende Teilsysteme wichtige Fortschritte darstellen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • längerer stabiler Betrieb der ersten Raketenstufe
  • erfolgreiche Stufentrennung
  • Zündung und Betrieb der zweiten Stufe
  • präzise Navigation und Flugsteuerung
  • erfolgreiche Trennung der Nutzlasten
  • Daten über Belastungen und Temperaturen während des Flugs

Je weiter Spectrum durch dieses Missionsprofil kommt, desto mehr reale Daten erhält das Entwicklungsteam.

Eine Rakete wird dadurch nicht automatisch kommerziell zuverlässig. Aber jeder erfolgreich absolvierte Abschnitt reduziert technische Unsicherheit.

Fazit: Spectrum muss nicht beim nächsten Versuch perfekt sein

Bei Raketenentwicklung wirkt ein fehlgeschlagener Start von außen schnell wie ein eindeutiges Scheitern.

Technisch ist die Bewertung komplizierter.

Der erste Spectrum-Flug brachte Isar Aerospace reale Daten über ein vollständig integriertes Trägersystem. Der zweite Flug soll nun deutlich weiter gehen und erstmals Nutzlasten transportieren.

Ob dafür zwei, drei oder weitere Versuche notwendig sein werden, lässt sich kaum seriös vorhersagen.

Für die europäische Raumfahrt ist deshalb eine andere Kennzahl interessanter: Wie schnell kann Isar Aerospace aus einem Flug lernen und die nächste Spectrum-Rakete verbessern?

Mit mehreren Fahrzeugen in Produktion, einer neuen Fabrik und fast 200 Millionen Euro Unterstützung durch die ESA entsteht dafür zumindest die industrielle Grundlage.

Jetzt muss Spectrum zeigen, dass aus dieser Infrastruktur auch eine regelmäßig fliegende Rakete werden kann.

FAQ

Wann startet Isar Aerospace die Spectrum-Rakete zum zweiten Mal?

Der zweite Spectrum-Flug ist als Qualifikationsmission geplant. Mehrere Startversuche wurden 2026 bereits verschoben oder abgebrochen. Einen endgültigen neuen Starttermin gibt Isar Aerospace abhängig von Technik, Wetter und Startplatz frei.

Was ist die Spectrum-Rakete von Isar Aerospace?

Spectrum ist eine zweistufige Trägerrakete des deutschen Raumfahrtunternehmens Isar Aerospace. Sie ist für kleine und mittlere Satelliten ausgelegt und soll bis zu rund 1.000 Kilogramm in einen niedrigen Erdorbit transportieren.

Warum sind mehrere Testflüge bei neuen Raketen notwendig?

Ein Raketenstart testet das vollständige System unter realen Bedingungen. Daten aus jedem Flug helfen dabei, Konstruktion, Software, Steuerung, Triebwerke und Abläufe für spätere Missionen zu verbessern.

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