Südkorea: Stalking-Opfer können Stalker per App in Echtzeit tracken
Südkorea lässt Stalking-Opfer überwachte Täter per App in Echtzeit tracken: Was hinter GPS-Fußfessel, Warnradius und Polizeialarm steckt
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Südkorea setzt beim Schutz vor Stalking auf GPS und eine Smartphone-App. Betroffene können den Standort elektronisch überwachter Täter sehen, wenn diese sich auf weniger als zwei Kilometer nähern.
Stalker per App tracken – so funktioniert das System
Eine Warnmeldung auf dem Smartphone zeigt, dass sich der Stalker nähert. Doch aus welcher Richtung kommt er? Steht er vor der Wohnung, am Arbeitsplatz oder bewegt er sich wieder weg?
Genau dieses Problem versucht Südkorea mit einer neuen Anti-Stalking-App zu lösen. Seit Juni 2026 können Betroffene in bestimmten Fällen den Standort einer elektronisch überwachten Person direkt auf einer Karte verfolgen.
Dabei handelt es sich nicht um eine App, mit der sich beliebige Personen oder mutmaßliche Stalker orten lassen. Voraussetzung ist eine gerichtlich angeordnete elektronische Überwachung. Die betreffende Person trägt dafür eine GPS-Fußfessel.
Kommt sie dem Opfer zu nahe, kann die App Position und Bewegungsrichtung anzeigen.
Technisch betrachtet wird damit ein bereits bestehendes Ortungssystem um einen direkten Informationskanal für Betroffene erweitert.
Zwei Kilometer lösen die Warnung aus
Das System arbeitet mit unterschiedlichen Entfernungen.
Nähert sich eine überwachte Person auf weniger als zwei Kilometer, erhält das Opfer eine Warnung. Gleichzeitig lässt sich deren Standort in der App auf einer Karte anzeigen.
Auch die Bewegungsrichtung ist sichtbar. Das kann einen erheblichen Unterschied machen. Eine Information wie "Der Täter befindet sich 1,5 Kilometer entfernt" sagt wenig darüber aus, ob sich jemand nähert oder entfernt.
Eine Karte liefert mehr Kontext.
Sinkt die Distanz auf weniger als ungefähr einen Kilometer, werden zusätzliche Schutzmaßnahmen ausgelöst. Behörden nehmen Kontakt mit dem Opfer auf und Einsatzkräfte können versuchen, die überwachte Person abzufangen.
Zuvor bestand das System vor allem aus Warnmeldungen über Smartwatch und Smartphone. Die genaue Position des Täters konnten Betroffene nicht selbst sehen.
Nicht jeder Stalker trägt eine GPS-Fußfessel
Die Formulierung "Stalking-Opfer können ihre Stalker tracken" braucht deshalb eine wichtige Einschränkung.
Das System funktioniert nur bei Personen, für die eine elektronische Überwachung angeordnet wurde. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür sind vergleichsweise hoch.
Zwischen 2024 und 2025 kam es laut Medienberichten in Südkorea zu mehr als 29.000 Festnahmen im Zusammenhang mit Stalking. Die Polizei beantragte in knapp 1.200 Fällen eine elektronische Überwachung. Genehmigt wurde sie in 427 Fällen.
Die App ist damit keine allgemeine Tracking-Lösung gegen Stalking, sondern Teil eines Schutzsystems für besonders riskante Fälle.
Für die Debatte rund um Privacy ist das ein entscheidender Unterschied. Die Standortüberwachung erfolgt nicht heimlich durch das Opfer, sondern innerhalb eines staatlich angeordneten Überwachungssystems.
Stalking-Fälle in Südkorea sind stark gestiegen
Der technische Ausbau des Systems kommt nicht zufällig.
Die südkoreanische Polizei registrierte 2021 insgesamt 14.509 Stalking-Meldungen. 2025 waren es bereits 44.687. Innerhalb von vier Jahren hat sich die Zahl damit ungefähr verdreifacht.
2021 führte Südkorea ein eigenes Gesetz gegen Stalking ein. Weitere Reformen folgten.
Seit 2024 kann bei besonders gefährlichen Fällen auch eine elektronische Fußfessel angeordnet werden. Sie soll unter anderem kontrollieren, ob sich Täter an festgelegte Verbotszonen rund um Wohnung oder Arbeitsplatz eines Opfers halten.
Die steigenden Fallzahlen zeigen allerdings auch ein grundsätzliches Problem: Eine technische Schutzmaßnahme kann Stalking nicht verhindern, wenn sie gar nicht angeordnet wird oder ein Täter bestehende Verbote ignoriert.
Ein Mordfall beschleunigte die Einführung
Besondere Aufmerksamkeit erhielt das System nach einem Fall im März 2026.
Eine Frau wurde von ihrem Ex-Partner getötet, obwohl mehrere Schutzmaßnahmen bestanden. Sie verfügte über eine Smartwatch für Warnmeldungen. Gegen den Mann bestanden Annäherungsverbote und er trug eine elektronische Fußfessel.
Der Fall zeigte eine Schwäche des bisherigen Systems.
Zu wissen, dass sich eine gefährliche Person in der Nähe befindet, ist nicht dasselbe wie zu wissen, wo sie sich tatsächlich befindet.
Das südkoreanische Justizministerium hatte die neue App bereits entwickelt. Nach dem Fall wurde die Einführung beschleunigt. Seit dem 24. Juni 2026 ist das System im Einsatz.
Die App verschiebt Informationen zum Opfer
Interessant ist weniger die GPS-Technik selbst. Elektronische Fußfesseln mit Standortüberwachung gibt es seit Jahren.
Neu ist, wer Zugriff auf einen Teil dieser Informationen bekommt.
Normalerweise laufen die Standortdaten in staatlichen Kontrollzentren zusammen. Dort beobachten Mitarbeiter, ob eine überwachte Person Sperrzonen verletzt oder andere Warnungen auslöst.
Südkorea gibt einen Teil dieser Informationen nun direkt an die gefährdete Person weiter.
Damit verändert sich die Rolle der Betroffenen. Sie warten nicht ausschließlich darauf, von Polizei oder Behörden informiert zu werden, sondern können selbst erkennen, aus welcher Richtung sich eine Person nähert.
Aus Sicht der Gesellschaft ist das ein bemerkenswerter Umgang mit staatlicher Überwachung: Standortdaten werden hier nicht nur zur Kontrolle eines Täters genutzt, sondern gezielt als Information für das potenzielle Opfer.
Mehr Information kann auch zur Belastung werden
Genau darin liegt allerdings ein neues Problem.
Wer weiß, dass sich ein Stalker innerhalb eines Radius von zwei Kilometern befindet und dessen Punkt auf einer Karte verfolgen kann, bekommt mehr Handlungsmöglichkeiten. Gleichzeitig entsteht die Möglichkeit, ständig auf die Karte zu schauen.
Opferschutzorganisationen in Südkorea weisen deshalb darauf hin, dass zusätzliche Informationen auch psychischen Druck erzeugen können.
Technisch lässt sich eine Position vergleichsweise einfach darstellen. Schwieriger ist die Frage, welche Verantwortung daraus entsteht.
Soll ein Opfer selbst beobachten, wo sich der Täter befindet? Wie lange sollte die Karte sichtbar bleiben? Wie häufig sollte gewarnt werden? Ab welchem Punkt müssen ausschließlich Polizei und Behörden reagieren?
Das sind keine reinen Softwarefragen.
Rund 400 Betroffene nutzen das System
Die neue Standortanzeige ist bislang kein System für zehntausende Menschen. Medienberichten zufolge nutzen rund 400 Betroffene die Funktion.
Gleichzeitig überwacht Südkorea mehrere tausend Personen mit elektronischen Fußfesseln. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um Stalking-Fälle, sondern auch um andere Straftäter unter elektronischer Überwachung.
Die Infrastruktur verarbeitet entsprechend viele Standort- und Warnmeldungen.
Südkorea arbeitet außerdem daran, die Systeme von Polizei und Justizministerium enger miteinander zu verbinden. Einsatzkräfte sollen die Bewegungsrichtung einer überwachten Person ebenfalls möglichst direkt verfolgen können.
Technik löst das eigentliche Problem nicht
Die App ist ein interessantes Beispiel dafür, wie bestehende Überwachungstechnik für den Opferschutz erweitert werden kann.
Sie beseitigt aber keine der grundlegenden Schwierigkeiten im Umgang mit Stalking.
Eine GPS-Fußfessel hilft nur, wenn sie angeordnet wurde. Ein Warnradius schützt nicht automatisch vor einem Angriff. Und eine Karte kann Betroffenen Informationen geben, ersetzt aber keine schnelle Reaktion der Behörden.
Genau deshalb ist die technische Lösung trotzdem interessant.
Südkorea versucht nicht, Stalking mit einer App zu lösen. Die App ist vielmehr eine zusätzliche Schnittstelle in einem größeren System aus gerichtlichen Auflagen, elektronischer Überwachung, Polizei und Opferschutz.
Die entscheidende Neuerung besteht dabei nicht in GPS oder einer Karte. Sie besteht darin, dass die Person, die geschützt werden soll, erstmals selbst sehen kann, wo sich die Gefahr befindet.
FAQ
Können Stalking-Opfer in Südkorea ihren Stalker per App tracken?
Ja, allerdings nur in bestimmten Fällen. Die App zeigt den Standort von Personen an, für die eine gerichtliche elektronische Überwachung angeordnet wurde und die eine GPS-Fußfessel tragen.
Wann zeigt die Anti-Stalking-App den Standort an?
Befindet sich die elektronisch überwachte Person innerhalb eines Radius von zwei Kilometern, kann das Opfer deren Position und Bewegungsrichtung auf einer Karte sehen.
Wird die Polizei automatisch alarmiert?
Bei einer weiteren Annäherung greifen zusätzliche Schutzmaßnahmen. Unterschreitet die Entfernung etwa einen Kilometer, werden Behörden aktiv und können Einsatzkräfte entsenden.


