Die EU will mit bis zu sieben KI-Gigafactories eigene Rechenleistung für große KI-Modelle schaffen. Die Ausschreibung ist gestartet, doch der Zeitplan zeigt Europas bekanntes Problem.
EU startet Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafactories
Am 30. Juli 2026 hat die Europäische Union offiziell die Ausschreibung für ihre geplanten KI-Gigafactories gestartet. Gesucht werden Konsortien, die besonders große Rechenzentren für die Entwicklung und den Betrieb moderner KI-Systeme bauen und betreiben.
Die Bewerbungsfrist endet am 12. November 2026. Anfang 2027 sollen die ausgewählten Projekte feststehen. Nach der Auswahl haben die Betreiber nach Angaben von EuroHPC rund 18 Monate Zeit, um den Betrieb aufzunehmen.
Insgesamt sollen bis zu sieben KI-Gigafactories entstehen. Die Standorte sollen sich auf mindestens sieben EU-Mitgliedstaaten verteilen. Auch grenzüberschreitende Projekte und verteilte Rechenzentren sind möglich.
Die offizielle Ausschreibung ist ein wichtiger Bestandteil der europäischen Strategie für technologische Souveränität. Sie kommt allerdings deutlich später als ursprünglich angekündigt.
KI-Gigafactories – keine Chipfabriken, sondern Rechenzentren
Der Begriff “Gigafactory” kann zunächst irreführend wirken. In diesen Anlagen werden keine KI-Chips produziert. Es handelt sich um besonders große und spezialisierte Rechenzentren.
Sie sollen den vollständigen Lebenszyklus großer KI-Modelle abdecken. Dazu gehören:
- das Training neuer Modelle
- die Anpassung bestehender Modelle an bestimmte Aufgaben
- die Ausführung von KI-Modellen für viele Nutzer
- die sichere Speicherung und Verarbeitung großer Datenmengen
- der Zugang über Cloud-Dienste und spezielle Entwicklungsumgebungen
Eine KI-Gigafactory besteht deshalb nicht nur aus möglichst vielen leistungsfähigen Prozessoren. Benötigt werden auch schnelle Netzwerke, große Speichersysteme, geeignete Software, sichere Cloud-Zugänge, Kühlung und eine stabile Stromversorgung.
Das Projekt liegt damit an der Schnittstelle von KI, Cloud-Infrastruktur und europäischer Digitalpolitik.
30 Milliarden Euro – aber nicht als direkter EU-Scheck
In den Ankündigungen ist von Investitionen in Höhe von mehr als 30 Milliarden Euro die Rede. Diese Zahl setzt sich aus öffentlichen und privaten Mitteln zusammen.
Bis zu 10 Milliarden Euro sollen von der EU und den beteiligten Mitgliedstaaten kommen. Diese öffentlichen Mittel sollen mindestens 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen auslösen.
Die EU überweist den Betreibern also nicht einfach 30 Milliarden Euro für den Bau neuer Rechenzentren. Ein Teil der öffentlichen Finanzierung funktioniert über den gemeinsamen Einkauf von Rechenkapazität. Die EU und beteiligte Staaten treten damit als langfristige Kunden der Anlagen auf.
Dieses Modell soll das wirtschaftliche Risiko für private Investoren senken. Betreiber erhalten frühzeitig eine gewisse Nachfrage, während europäische Unternehmen und öffentliche Einrichtungen Zugang zu den entstehenden Rechenkapazitäten bekommen sollen.
Ein erheblicher Teil der öffentlichen Finanzierung wird allerdings erst aus dem nächsten mehrjährigen EU-Finanzrahmen für die Jahre 2028 bis 2035 stammen. Die langfristige Finanzierung hängt daher auch von zukünftigen Haushaltsentscheidungen ab.
Warum Europa eigene KI-Rechenzentren will
Große KI-Modelle benötigen enorme Rechenleistung. Der Zugang zu modernen KI-Prozessoren und geeigneten Rechenzentren entscheidet zunehmend darüber, welche Unternehmen überhaupt eigene leistungsfähige Modelle entwickeln können.
Aktuell wird ein großer Teil der relevanten Cloud- und KI-Infrastruktur von Unternehmen aus den USA kontrolliert. Europäische Unternehmen können diese Dienste nutzen, bleiben dabei aber von den Preisen, technischen Entscheidungen und Geschäftsbedingungen weniger Anbieter abhängig.
Die KI-Gigafactories sollen eine europäische Alternative schaffen. Start-ups, mittelständische Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Behörden und größere Industriebetriebe sollen Rechenleistung innerhalb Europas nutzen können.
Dabei geht es nicht nur um Datenschutz oder den Standort einzelner Server. Die EU betrachtet verfügbare Rechenleistung inzwischen als strategische Infrastruktur, ähnlich wie Energieversorgung, Kommunikationsnetze oder Halbleiterproduktion.
Die Ausschreibung kommt rund anderthalb Jahre nach der Ankündigung
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte die InvestAI-Initiative bereits am 11. Februar 2025 an. Damals war von einem Fonds über 20 Milliarden Euro und bis zu fünf KI-Gigafactories die Rede.
Im April 2025 folgte eine erste Interessenbekundung. Darauf gingen laut EuroHPC 76 Vorschläge aus 16 Mitgliedstaaten ein, die insgesamt 60 mögliche Standorte umfassten.
Im Dezember 2025 teilte die EU-Kommission mit, dass die formelle Ausschreibung Anfang 2026 starten solle. Tatsächlich wurde sie erst Ende Juli 2026 veröffentlicht.
Aus den ursprünglich geplanten fünf Anlagen wurden inzwischen bis zu sieben Gigafactories. Gleichzeitig hat sich die Struktur der Finanzierung verändert. Statt eines einzelnen 20-Milliarden-Euro-Fonds spricht die EU nun von bis zu 10 Milliarden Euro öffentlichen Mitteln, die mindestens 20 Milliarden Euro privates Kapital mobilisieren sollen.
Die Erweiterung zeigt, dass das Interesse an europäischen KI-Rechenzentren vorhanden ist. Die Verzögerung zeigt aber auch, wie lange es dauern kann, politische Ankündigungen in konkrete Vergabeverfahren zu übersetzen.
Diese deutschen Unternehmen wollen sich bewerben
Nach Informationen von Golem, das sich auf die Nachrichtenagentur dpa beruft, interessieren sich mehrere deutsche Unternehmen für die Ausschreibung.
Genannt werden unter anderem:
- Deutsche Telekom
- Schwarz Digits
- Ionos gemeinsam mit Hochtief
- Impossible Cloud aus Hamburg
- Blue Swan aus Bayern
Welche Konsortien tatsächlich vollständige Angebote einreichen, steht noch nicht fest. Bewerben können sich Zusammenschlüsse aus Unternehmen, öffentlichen Institutionen, Investoren und weiteren Partnern. Auch eigens für ein Projekt gegründete Gesellschaften sind zugelassen.
Für die Bewertung dürften nicht nur die verfügbaren finanziellen Mittel entscheidend sein. Mögliche Betreiber müssen auch geeignete Grundstücke, Stromanschlüsse, technische Kompetenz und langfristige Betriebskonzepte nachweisen.
Rechenleistung allein schafft noch keine europäische KI
Eigene Rechenzentren sind eine notwendige Grundlage, lösen aber nicht alle strukturellen Probleme der europäischen KI-Branche.
Damit die Anlagen wirtschaftlich und technologisch sinnvoll genutzt werden, braucht Europa ausreichend Unternehmen, die große Rechenkapazitäten tatsächlich benötigen. Dazu kommen qualifizierte Fachkräfte, verfügbare Trainingsdaten, wettbewerbsfähige Software und ausreichend Kapital für die Entwicklung eigener Produkte.
Auch die Zugangsbedingungen werden wichtig. Wenn kleinere Unternehmen zwar theoretisch Rechenleistung beantragen können, die Verfahren aber langsam oder kompliziert sind, entsteht kaum ein praktischer Vorteil gegenüber etablierten Cloud-Plattformen.
Die EU muss außerdem verhindern, dass mehrere nationale Projekte nebeneinander entstehen, ohne sinnvoll zusammenzuarbeiten. Große KI-Infrastruktur benötigt gemeinsame technische Standards und einen europäischen Markt. Eine Sammlung voneinander isolierter Rechenzentren wäre dafür nicht ausreichend.
Meine Einordnung – notwendig, aber deutlich zu spät
Die Ausschreibung für die KI-Gigafactories ist grundsätzlich ein sinnvoller Schritt. Europa kann nicht gleichzeitig mehr technologische Unabhängigkeit fordern und den Aufbau der dafür notwendigen Infrastruktur vollständig ausländischen Anbietern überlassen.
Die geplanten Investitionen sind groß genug, um relevante zusätzliche Rechenkapazitäten zu schaffen. Das Modell mit öffentlichen Ankerkunden kann privaten Betreibern dabei helfen, die hohen Anfangsinvestitionen zu rechtfertigen.
Problematisch bleibt der Zeitplan. Zwischen der ersten Ankündigung und der formellen Ausschreibung lagen rund anderthalb Jahre. Nach der Auswahl Anfang 2027 können weitere 18 Monate bis zum Betriebsstart vergehen. Selbst bei planmäßiger Umsetzung dürften die ersten Anlagen damit frühestens 2028 vollständig nutzbar sein.
Während Europa Ausschreibungen vorbereitet, bauen private Anbieter ihre Infrastruktur bereits weiter aus. Dieser Unterschied lässt sich nicht allein durch höhere Förderbeträge ausgleichen.
Entscheidend wird deshalb nicht sein, wie viele Milliarden Euro angekündigt werden. Entscheidend ist, ob tatsächlich leistungsfähige Rechenzentren entstehen, ob europäische Unternehmen unkompliziert darauf zugreifen können und ob die Anlagen langfristig ausgelastet werden.
Die KI-Gigafactories können ein wichtiger Teil einer europäischen KI-Infrastruktur werden. Sie sind aber kein Ersatz für schnellere Entscheidungen, bessere Wachstumsbedingungen und eine gemeinsame europäische Strategie.
Quellen und weiterführende Informationen
FAQ
Was ist eine KI-Gigafactory?
Eine KI-Gigafactory ist ein besonders großes Rechenzentrum für die Entwicklung, das Training, die Anpassung und den Betrieb umfangreicher KI-Modelle.
Wie viel Geld investiert die EU in die KI-Gigafactories?
Die EU und ihre Mitgliedstaaten stellen bis zu 10 Milliarden Euro bereit. Damit sollen mindestens 20 Milliarden Euro an privaten Investitionen mobilisiert werden.
Wann sollen die europäischen KI-Gigafactories starten?
Die Ausschreibung endet am 12. November 2026. Die Auswahl ist für Anfang 2027 vorgesehen. Anschließend sollen die Anlagen innerhalb von 18 Monaten den Betrieb aufnehmen.



