Offline-Startups – Warum echte Treffen zum Geschäftsmodell werden
Offline-Startups setzen auf reale Begegnungen statt mehr Bildschirmzeit. Board, Pie und Heirloom zeigen, wie daraus Geschäftsmodelle entstehen
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Eine neue Welle von Startups verkauft nicht mehr Bildschirmzeit, sondern Gründe, sich im echten Leben zu treffen. Dahinter steckt mehr als eine nostalgische Reaktion auf Smartphones und KI.
Offline-Startups setzen auf reale Begegnungen
Die meisten Technologieunternehmen konkurrieren darum, möglichst viel Zeit auf einem Bildschirm zu gewinnen. Einige Gründer versuchen inzwischen das Gegenteil. Sie entwickeln Produkte, Orte und Dienste, deren eigentlicher Nutzen erst entsteht, wenn mehrere Menschen physisch zusammenkommen.
TechCrunch beschreibt mehrere Unternehmen, die sehr unterschiedlich aussehen, aber auf einer ähnlichen Annahme beruhen. Brynn Putnam, die zuvor das Fitnessunternehmen Mirror gründete und für 500 Millionen US-Dollar an Lululemon verkaufte, arbeitet mit Board an einem digitalen Spieltisch. Tristan Walker wiederum baut mit Heirloom ein Netzwerk aus Handwerksschulen auf.
Dazu kommen Unternehmen wie Pie vom Bonobos-Gründer Andy Dunn oder das Hotelprojekt Six Bells Countryside Inn der früheren Wing-Gründerin Audrey Gelman.
Eine fest definierte Startup-Kategorie existiert dafür bislang nicht. Trotzdem zeichnet sich ein gemeinsames Muster ab: Technologie soll nicht mehr ausschließlich Aufmerksamkeit binden, sondern reale soziale Interaktion ermöglichen.
Gerade vor dem Hintergrund von Social Media und generativer KI ist das eine bemerkenswerte Verschiebung.
Warum das Thema gerade jetzt auftaucht
Der wirtschaftliche Trend trifft auf ein reales gesellschaftliches Problem.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO veröffentlichte 2025 den Bericht "From loneliness to social connection". Demnach erlebt weltweit ungefähr jeder sechste Mensch Einsamkeit. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen liegt der Anteil noch höher. Die WHO bringt Einsamkeit außerdem mit erheblichen gesundheitlichen Folgen in Verbindung und führt weltweit rund 871.000 Todesfälle pro Jahr darauf zurück.
Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Startup dieses Problem lösen kann. Es erklärt aber, warum soziale Verbindung zunehmend als eigenständiges Bedürfnis betrachtet wird.
Hinzu kommt eine Verschiebung beim Konsum. Eine Befragung von Harris Poll für Marriott Bonvoy ergab Anfang 2026, dass 67 Prozent der befragten US-Amerikaner Erlebnisse wie Reisen stärker priorisieren wollen als materielle Anschaffungen.
Solche Umfragen sollte man nicht überinterpretieren. Die Untersuchung wurde für ein Unternehmen aus der Reisebranche durchgeführt und betrifft die USA. Als einzelner Datenpunkt beweist sie keinen neuen Markt. Zusammen mit dem wachsenden Angebot an Clubs, Events und Community-Konzepten zeigt sie aber, dass Erlebnisse wirtschaftlich wieder stärker in den Vordergrund rücken.
Board – Technologie für mehrere Menschen gleichzeitig
Board ist ein gutes Beispiel dafür, warum "offline" nicht automatisch "ohne Technologie" bedeutet.
Das Unternehmen entwickelt einen 24 Zoll großen Touchscreen-Tisch, der Gesten und physische Spielfiguren erkennen kann. Ein Gegenstand auf der Oberfläche kann dadurch unmittelbar mit einem digitalen Spiel interagieren.
Entscheidend ist weniger die verwendete Technik als die Gestaltung des Produkts. Ein traditionelles Tablet ist normalerweise für einen einzelnen Nutzer optimiert. Board soll dagegen von mehreren Menschen gleichzeitig verwendet werden.
Putnam beschreibt die Idee hinter dem Produkt entsprechend nicht als Rückkehr von digital zu analog. Technologie soll weiterhin Teil der Erfahrung sein, aber eine gemeinsame Aktivität ermöglichen.
Das klingt nach einer kleinen Unterscheidung, verändert aber das Produktdesign grundlegend. Die relevante Kennzahl ist nicht mehr ausschließlich, wie lange eine einzelne Person mit dem Gerät interagiert. Wichtig wird auch, ob Menschen gemeinsam zurückkommen.
Board hat laut TechCrunch bislang 35 Millionen US-Dollar Venture Capital eingesammelt.
Heirloom – Handwerk wird wieder zum Produkt
Tristan Walker geht mit Heirloom einen deutlich anderen Weg.
Das Unternehmen kauft und entwickelt Schulen für traditionelle Handwerksberufe. Der erste Standort in San Francisco konzentriert sich unter anderem auf Lederverarbeitung.
Walker sieht darin nicht nur berufliche Ausbildung. Ein Teil der Nachfrage kommt laut seinen Angaben von jungen Beschäftigten aus der Technologiebranche, die nach einer kreativen Beschäftigung abseits von Smartphone und Computer suchen.
Das ist wirtschaftlich interessant, weil damit etwas wieder als Produkt auftaucht, das über Jahrzehnte eher aus dem Markt gedrängt wurde: Zeit mit anderen Menschen, praktische Fähigkeiten und physische Arbeit.
Auch die zunehmende Verbreitung generativer KI spielt dabei eine Rolle. Je mehr Wissensarbeit automatisiert oder zumindest durch Software unterstützt wird, desto deutlicher unterscheidet sich eine Tätigkeit, die bewusst an einen Ort, Materialien und andere Menschen gebunden ist.
Das muss keine Gegenbewegung zur Technologie sein. Es kann genauso gut eine Ergänzung dazu werden.
Pie – die Software hinter dem Offline-Leben
Noch deutlicher wird die Verbindung zwischen digitaler Infrastruktur und realen Treffen bei Pie.
Das Unternehmen des Bonobos-Gründers Andy Dunn begann ursprünglich mit der Vermittlung neuer Freunde und entwickelte sich anschließend stärker in Richtung Event-Plattform. Inzwischen beschreibt Dunn Pie als eine Art Betriebssystem für das Sozialleben.
Ein Bestandteil davon sind dauerhafte digitale Bereiche für bestehende Gruppen. Ein Laufclub, eine regelmäßige Watchparty oder eine andere Community kann damit online organisiert werden, während die eigentliche Aktivität offline stattfindet.
Das ist vermutlich eines der besser skalierbaren Modelle innerhalb dieses Trends.
Die Begegnung selbst bleibt lokal. Die Infrastruktur für Mitgliederverwaltung, Kommunikation, Discovery, Bezahlung oder wiederkehrende Veranstaltungen lässt sich dagegen als Software zentralisieren.
Pie hat laut TechCrunch bisher 24 Millionen US-Dollar eingesammelt.
Offline bedeutet nicht automatisch technikfrei
Der interessanteste Teil dieser Entwicklung ist deshalb nicht die vermeintliche Rückkehr in eine Zeit vor Smartphones.
Viele dieser Unternehmen wären ohne digitale Infrastruktur kaum sinnvoll skalierbar.
Software kann dabei unterschiedliche Aufgaben übernehmen:
- passende Veranstaltungen und Menschen finden
- bestehende Communities verwalten
- Mitgliedschaften und Zahlungen abwickeln
- wiederkehrende Veranstaltungen organisieren
- lokale Gruppen miteinander verbinden
Der digitale Teil wird damit zur Infrastruktur. Das eigentliche Produkt ist die Erfahrung außerhalb der App.
Auch außerhalb klassischer Venture-Capital-Startups entstehen ähnliche Modelle. Der Offline Club organisiert beispielsweise Treffen, bei denen Smartphones bewusst keine Rolle spielen sollen, und bietet inzwischen ein Lizenzmodell für lokale Ableger in weiteren Städten an.
Damit zeigt sich eine mögliche Struktur dieses Marktes: Das Erlebnis bleibt lokal, während Marke, Prozesse und Software über viele Orte verteilt werden können.
Das eigentliche Problem ist die Skalierung
Genau hier liegt allerdings auch der größte Unterschied zu einem klassischen Softwareunternehmen.
Eine zusätzliche Person in einem SaaS-Produkt verursacht oft nur geringe zusätzliche Kosten. Eine zusätzliche Person bei einem Abendessen, Workshop oder Handwerkskurs benötigt dagegen Platz, Betreuung, Material und häufig Personal.
Offline-Produkte skalieren deshalb anders.
Ein Unternehmen kann versuchen, mehr Standorte zu eröffnen. Es kann ein Franchise- oder Lizenzsystem etablieren. Veranstaltungen können standardisiert oder lokale Veranstalter über eine Plattform miteinander verbunden werden.
Jedes dieser Modelle bringt aber operative Arbeit zurück, die Softwareunternehmen gerne vermeiden.
Das ist wahrscheinlich auch der wichtigste Grund, warum aus "Menschen zusammenbringen" nicht automatisch die nächste große Venture-Capital-Kategorie wird.
Das gesellschaftliche Bedürfnis kann groß sein, während das wirtschaftlich adressierbare Modell vergleichsweise schwierig bleibt.
Immobilien zeigen die andere Größenordnung
Wie viel Kapital trotzdem in diese Idee fließen kann, zeigt Flow.
Das Wohnungsunternehmen des WeWork-Mitgründers Adam Neumann versucht Gemeinschaft stärker in Wohnimmobilien zu integrieren. TechCrunch zufolge hat Flow inzwischen mehr als 450 Millionen US-Dollar eingesammelt, ein großer Teil davon stammt von Andreessen Horowitz.
Damit bewegt sich das Unternehmen in einer völlig anderen Größenordnung als Board, Pie oder kleinere Community-Projekte.
Flow zeigt allerdings auch, wie unscharf die entstehende Kategorie ist. Ein digitaler Spieltisch, eine Handwerksschule, eine Event-App und ein Immobilienunternehmen haben operativ wenig gemeinsam.
Was sie verbindet, ist kein Produkttyp, sondern das versprochene Ergebnis: Menschen sollen regelmäßig mit anderen Menschen an einem realen Ort zusammenkommen.
Die spannendere Frage ist nicht "online oder offline"
Die Trennung zwischen digital und analog greift deshalb zu kurz.
Interessanter ist die Frage, wofür Technologie optimiert wird.
Viele digitale Geschäftsmodelle der vergangenen Jahre profitieren davon, dass einzelne Nutzer möglichst häufig zurückkehren und möglichst lange innerhalb eines Produkts bleiben.
Bei den neuen Offline-Konzepten kann Software dagegen erfolgreich sein, obwohl der Nutzer sie anschließend wieder weglegt.
Eine Event-App erfüllt ihren Zweck, wenn jemand danach zu einem Laufclub geht. Eine Community-Plattform funktioniert, wenn aus einem digitalen Kontakt eine reale Gruppe entsteht. Ein digitaler Spieltisch soll nicht fünf Menschen voneinander isolieren, sondern fünf Menschen um dieselbe Oberfläche versammeln.
Das ist keine Abkehr von Technologie. Es ist eine andere Definition davon, was ein erfolgreiches digitales Produkt leisten soll.
Noch ist unklar, ob daraus eine eigene Startup-Kategorie wird
Für Investoren bleibt trotzdem eine schwierige Frage: Ist soziale Verbindung ein eigener Markt oder nur ein gemeinsames Motiv hinter sehr unterschiedlichen Unternehmen?
Dafür ist es noch zu früh.
Die Finanzierungsrunden von Board und Pie sind relevant, aber weit von den Summen entfernt, die in große KI- oder klassische Softwareunternehmen fließen. Gleichzeitig verfügen viele der beteiligten Gründer bereits über erfolgreiche Unternehmen, bekannte Namen und gute Investorennetzwerke.
Das erleichtert Experimente, die für unbekannte Gründer schwieriger zu finanzieren wären.
Trotzdem sollte man die Entwicklung beobachten. Nicht weil plötzlich jeder Run Club ein Tech-Startup wäre, sondern weil sich möglicherweise eine neue Produktschicht bildet.
Software organisiert Menschen. Marken schaffen Vertrauen. Lokale Betreiber liefern die eigentliche Erfahrung.
Wenn dieses Modell funktioniert, könnte ausgerechnet in einer Zeit, in der immer mehr digitale Interaktion automatisiert wird, das gemeinsame physische Erlebnis wieder wertvoller werden.
Nicht als Ersatz für Technologie, sondern als etwas, das Technologie wieder stärker vermitteln soll.
FAQ
Was sind Offline-Startups?
Offline-Startups bauen Produkte und Dienste, deren eigentlicher Nutzen in gemeinsamen Erlebnissen im realen Leben liegt. Technologie kann dabei unterstützen, steht aber nicht zwingend im Mittelpunkt.
Warum investieren Gründer wieder in reale Begegnungen?
Einsamkeit, hohe Bildschirmzeit und eine stärkere Nachfrage nach Erlebnissen schaffen Raum für Angebote, die Menschen physisch zusammenbringen. Ob daraus eine große Startup-Kategorie entsteht, ist noch offen.
Lassen sich Offline-Community-Startups skalieren?
Ja, aber anders als klassische Software. Skalierbar sind vor allem standardisierte Formate, Mitgliedschaften, digitale Community-Werkzeuge, Lizenzen und Netzwerke aus mehreren Standorten.


